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RTL streitet sich mit mir um 37 Sekunden

20.04.2013

RTL bekennt sich öffentlich zum Urheberrecht und argumentiert dabei, daß „[e]igens für Punkt 12 entwickelte Formate wie ‚Helena Fürst – Anwältin der Armen‘, ‚Mehrzads Tanzcamp‘“ und weitere nicht mehr finanzierbar wären, wenn die Werbeeinnahmen durch illegale Verbreitung wegbrechen würden. Ob das wirklich ein Verlust wäre, will ich an dieser Stelle nicht vertiefen.

Mit der Jagd nach Urheberrechtsverletzern übertreibt es RTL allerdings. Zufälligerweise war RTLs Hang zur Übertreibung auch Thema des Videos, um das es hier geht.

Am 13.03.2012 kam es abends in einem Tunnel in der Schweiz zu einem schweren Verkehrsunfall eines belgischen Reisebusses, bei dem 22 Kinder und 6 Erwachsene aus Belgien und den Niederlanden starben.

Tags darauf berichtete auch das RTL Mittagsmagazin „Punkt 12“, unter anderem mit einer Live-Schaltung nach Lommel, einem Ort in Belgien, aus dem viele der Getöteten kamen.

37 Sekunden daraus habe ich als Basis für mein kleines Video verwendet und einen eigenen Audio-Kommentar darüber gesprochen, um zu zeigen, wie es RTL hier eindeutig mit der Trauer übertreibt.

Da das Video momentan bei YouTube gesperrt ist, muß ich es hier beschreiben:

Bild (komplett von RTL)
Schwenk über Blumen und Briefe, die an einem Zaun abgelegt sind, einige Passanten gehen daran entlang. Schwenk auf Reporter Thomas Präkelt, die Kamera verbleibt dann dort.

Ton
Mein Kommentar:
Der Tod von 22 Kindern und 6 Erwachsenen bei dem Busunfall in der Schweiz ist eindeutig eine Tragödie. Aber man kann es auch übertreiben, so wie im RTL-Mittagsmagazin von heute.

Reporter Thomas Präkelt, RTL:
…in die Schule und man merkt ja auch, daß nicht nur die Eltern sondern auch, daß Belgien und die Niederlande ein Teil ihrer Zukunft verloren haben, die Kinder, die das Land einmal weiter aufbauen sollten. Ehm, es ist schwer für die Menschen…

Mein Kommentar:
Trotz aller Betroffenheit: Belgien und die Niederlande werden nicht daran zu Grunde gehen, daß 22 künftige Steuerzahler verstorben sind.

Das war das ganze Video, 37 Sekunden. Das Bild stammt komplett von RTL, beim Ton sind es etwa 14 Sekunden von RTL und 22 Sekunden von mir.

Ich fand es wichtig zu thematisieren, wie RTL bzw. Thomas Präkelt den Tod von 28 Personen zu einer doppelten Staatskrise aufbläst und damit letztlich ins Lächerliche zieht.

Und ich fand meine Darstellung auch durch das Zitatrecht (§51 UrhG) gedeckt.

RTL war anderer Meinung, wie mir am 21.03.2013 durch YouTube mitgeteilt wurde. Mein Video war zunächst einmal gesperrt worden, da es „Inhalte Dritter“ enthielt. Nach einem Einspruch meinerseits wurde es vorerst wieder öffentlich gemacht.

Kurz darauf erhielt ich eine E-Mail der „RTL interactive GmbH“ mit einigen Standardfloskeln zum Urheberrecht und etwas Gejammer, daß man sich als privater Fernsehsender durch Werbung finanzieren muß und keine Gebührengelder wie die Öffentlich-Rechtlichen erhält.

Es kam zu einer kurzen, aber ergebnislosen E-Mail-Diskussion mit einem Mitarbeiter der Firma, der sich zunächst einmal auf den Standpunkt stellte, daß für die Verbreitung von Material von RTL grundsätzlich immer eine Erlaubnis erforderlich wäre. Davon rückte er zwar ab, akzeptierte es aber trotzdem nicht als Zitat.

Zuletzt schlug er als Kompromiss vor, das Video stattdessen bei RTLs eigenem Portal Clipfish einzustellen. Nach einem Blick in die AGB habe ich von dieser Idee Abstand genommen:

IV.
[…]
3. Ebenfalls ist es den Nutzern untersagt, Inhalte auf clipfish.de einzustellen,
die […] weltanschauliche Anschauungen verbreiten […] oder die sonst wie eine
politische oder weltanschauliche Zielsetzung haben (wie z.B.
Unterschriftenaktionen, Aufrufe zu Meinungsäußerungen, Versammlungen etc.).

Aufrufe zu Meinungsäußerungen, wie furchtbar.

Der letzte E-Mail-Kontakt erfolgte am 25.03.2013. Er enthielt seitens RTL die Drohung, daß das Video von YouTube gelöscht werden und ich eine Copyright-Verwarnung erhalten würde, falls ich es nicht selbst löschen sollte.

Dann passierte lange nichts. In meiner Naivität vermutete ich, daß RTL interactive zur Vernunft gekommen wäre. Aber wäre das der Fall, hätte ich die Geschichte gar nicht veröffentlicht.

YouTube erwartete bis Samstag, den 20.04.2013, also heute, von RTL eine Erwiderung auf meinen Einspruch. Und diese kam dann auch erst gestern, also am letzten regulären Werktag vor Ende der Frist.

Ich weiß nicht, ob ein Mitarbeiter den Fall zufällig kurz vor Ablauf bemerkte oder ob RTL das routinemäßig so macht (aber warum?), jedenfalls will die Firma an ihrer Behauptung festhalten, ich hätte einen Copyright-Verstoß begangen.

Ich habe noch am gleichen Tag bei YouTube eine „Gegendarstellung“ eingereicht, die innerhalb von zehn Werktagen bearbeitet werden soll und warte jetzt ab, was da kommt.

Update (07.05.2013):

Seit heute ist das Video wieder online.

Update:

Am 05.06.2013 erhielt ich als Einschreiben mit Rückschein eine Abmahnung, in der mich die Mediengruppe RTL Deutschland zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufforderte, da sie sonst weitere rechtliche Schritte erwägen würde.

Die Unterlassungserklärung war für meine Begriffe viel zu weitreichend, sie hätte RTL gestattet, eine Vertragsstrafe für die unerlaubte Verwendung jeglichen RTL-Materials zu verlangen. So etwas kann aber sehr schnell versehentlich passieren, wenn z. B. bei einer Aufnahme ein Fernseher im Hintergrund läuft o. ä.

Zwar war die eigentliche Abmahnung kostenfrei, aber ich mußte mir jetzt Rat bei einer Anwältin holen und das war nicht ganz billig. Die riet mir dazu, das Video zu entfernen und eine modifizierte Unterlassungserklärung abzugeben.

Da ich leider kein großer Kämpfer bin und weder die Finanzen noch die Nerven hätte, einen ernsthaften Rechtsstreit mit RTL auszutragen, folgte ich ihrem Rat.

Bleibt mir nur noch zu fragen: Liebes RTL, war das wirklich nötig?

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