RTL aktuell: Irgendwas mit Kinder…

23.06.2012

Die Geschichte: In Leipzig verstirbt eine drogenabhängige Mutter, kurz darauf verdurstet ihr zweijähriger Sohn, weil er allein in der Wohnung ist und sich niemand um ihn kümmert. Etwa zwei Wochen nach dem Tod der Mutter werden die Leichen erst gefunden.

RTL aktuell hat gestern darüber berichtet. Und demonstriert dabei seine journalistische Qualität, wenn sie Herrn Georg Ehrmann zu Wort kommen läßt, der bei drogenabhängigen Müttern eine tägliche Betreuung der Kinder und regelmäßige Drogenkontrollen fordert.

Bemerkenswert ist dann die Angabe, welche Organisation Ehrmann vertritt:

Georg Ehrmann, RTL Aktuell 22.06.2012

Knapp daneben, liebes RTL. Er ist Chef der Deutschen Kinderhilfe, die bekannt ist für öffentlichkeitswirksame Forderungen.

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Frankenpost: Regional vermuten, lokal einfach mal annehmen

19.06.2012

Zunächst zum Hergang der Geschichte:

Im kleinen Örtchen Ziegenburg brennt Samstag Nacht ein Wohnhaus aus.

Sonntag morgen wird in der Nähe am Waldrand durch einen Hubschrauber ein ausgebranntes Auto entdeckt, darin eine verkohlte Leiche.

Nachdem das einsturzgefährdete Haus gesichert ist, wird auch dort eine verbrannte Leiche gefunden.

Bis Dienstagabend war außerdem Folgendes sicher:

Bei der Leiche im Haus handelt es sich um dessen ehemalige Besitzerin, Gräfin von Luxburg, die anscheinend ein Wohnrecht für das Haus besaß. Der neue Besitzer ist ein Andreas S., 35 Jahre, der mit seiner Verlobten dort wohnte, die aber vor kurzem auszog, weil es anscheinend Streit gab. Die Gräfin verstarb durch einen Kopfschuss, im ausgebrannten Fahrzeug, einem Mercedes Kombi, der von Andreas S. benutzt wurde, fand sich neben der männlichen Leiche außerdem eine Schusswaffe.

Die Autorin Melitta Burger hat mehrere Artikel dazu geschrieben, zwei davon am Dienstagabend (zuletzt bearbeitet am 18.06.2012 um 21:47 Uhr bzw. 21:42 Uhr, laut der Frankenpost-Website).

Im Artikel für die Region Oberfranken formuliert sie vorsichtig:

Hannelore von Luxburg war nach einem Kopfschuss bereits tot, als ihr Mörder zunächst die beiden Hunde in Sicherheit brachte und danach das Haus vermutlich mithilfe eines Brandbeschleunigers in Flammen aufgehen ließ. Täter ist wahrscheinlich der 35-jährige Andreas S., der ebenfalls in dem Haus gewohnt hatte. Obwohl die Identifizierung der völlig verkohlten Leiche in dem ausgebrannten Auto bislang noch nicht abgeschlossen ist, geht die Polizei davon aus, dass es sich um Andreas S. handelt. Mord und Selbstmord ist nach den bisherigen Ermittlungen die wahrscheinlichste Annahme für die Geschehnisse in der Nacht zum Sonntag.

Auch hier könnte man natürlich diskutieren, woher sicher ist, daß es überhaupt ein Mord war und daß der Mörder auch Brandstifter ist (und daß er/sie die Hunde in Sicherheit brachte).

Während die Identität der Gräfin von Luxburg am Montagmittag bereits endgültig feststand […], ist dies den Ermittlern bei dem zweiten Leichnam noch nicht endgültig gelungen. Bislang sei sicher, es handle sich bei dem Verbrannten um einen Mann, sagte Thomas Janovsky.

Im Lokalbereich für Kulmbach (zuletzt geändert 5 Minuten vor dem anderen Artikel) haut Melitta Burger dagegen auf die Kacke:

Was hat Andreas S. in einen solchen Ausnahmezustand versetzt, dass er Hannelore Gräfin von Luxburg durch einen Kopfschuss tötete, das Haus in Brand steckte, in dem beide lebten und sich dann im Wald in seinem Auto verbrannte?
[…]
War Andreas S. so verzweifelt, weil er verlassen wurde? Hat es „einfach so“ Streit gegeben zwischen ihm und seiner Mitbewohnerin, der Gräfin? Was wirklich geschehen ist in diesen letzten Minuten wird wohl für immer im Dunklen bleiben.
[…]
Warum auch immer, es war wohl Andreas S., der die Waffe auf die 78-jährige Frau richtete und ihr in den Kopf schoss. Dann muss der Täter in einem lichten Moment die Hunde aus dem Haus gebracht, das Feuer gelegt und schließlich sich selbst ums Leben gebracht haben.
(Hervorhebung von mir)

Mit dem „wohl“ und an einigen anderen Stellen hat die Autorin dann doch sicherheitshalber ein paar Relativierungen eingebaut.

Es gibt bislang keinen Anhaltspunkt, daß es nicht so war, wie es die Autorin beschreibt, aber trotzdem klingt der Artikel für den Lokalteil ein bißchen sehr nach Boulevard („Prinzessin Hermeline schwanger! Oder vielleicht auch nicht …“).

Resterampe: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung

17.06.2012

Kleinigkeiten, die zu schade zum Wegschmeißen sind:

Einbrecher stiegen wiederholt in Häuser in der Ortschaft Neualbenreuth ein. Daß sie dabei Geld stahlen, war zu erwarten, die gleichzeitige Mitnahme von Kuchen und Speiseeis überrascht aber. (Quelle: Radio Euroherz)

In eine Verkehrskontrolle „geblitzt“ zu werden, ist ja nichts Ungewöhnliches. Wenn man jedoch in dieselbe Verkehrskontrolle, die 8 Stunden auf einer Bundesstraße bei Pegnitz aufgebaut war, insgesamt dreimal hineinfährt, sollte man doch über die Anschaffung von gedächtnisstärkenden Ginseng-Kapseln nachdenken. Aber das hat der Fahrer vermutlich schon wieder vergessen. (Quelle: Polizei Oberfranken)

Einem Mann aus Hof wurde vor einem Jahr sein Fahrrad gestohlen. Vor einem halben Jahr konnte die Polizei das Fahrrad wiederfinden und zurückgeben. Der Besitzer hatte sich aber anscheinend schon ein neues Fahrrad zugelegt und verstaute das alte im Keller seiner Wohnung. Vor einem Monat nun wurde ihm zunächst das neue Fahrrad von der Straße weg gestohlen und dann, nur drei Tage später, das andere aus dem Keller. Er hofft nun darauf, daß die Polizei ihm das eine Rad wieder- und das andere wiederwiederholt. (Quelle: Polizei Oberfranken)

Leistungsschutzrecht: Der Entwurf ist da

14.06.2012

Heute ist ein erster Referentenentwurf des Leistungsschutzrechts für Presseverleger öffentlich geworden (via netzpolitik.org), das die Regierung bald beschließen will.

Die Grundidee des Gesetzes ist es, Presseverlegern das Recht einzuräumen, sogar für kleine Schnipsel aus ihren Produkten bei gewerblicher Nutzung Geld zu verlangen. Das Urheberrecht deckt diesen Fall nicht ab, da dort ausdrücklich das Verwenden von Zitaten aus anderen urheberrechtlich geschützten Werken ohne Gegenleistung erlaubt ist.

Betroffen wäre zunächst einmal offensichtlich Google (speziell Google News), das zu jedem passenden Suchergebnis gleich einen kurzen Textauszug mitliefert.

Aber besonders, wenn man die Begründung im oben verlinkten Entwurf durchliest, tauchen doch einige Fragen auf:

Für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger sollen ferner auch die Schranken des Urheberrechts gelten, also vor allem auch die Zitierfreiheit.
(Seite 6)

Die Schnipsel von Google sind also keine Zitate? Und wenn sie keine Zitate sind und auch nicht anderweitig den Schranken des Urheberrechts unterliegen, warum war es dann auf Basis des bisherigen Urheberrechts nicht möglich, sie gerichtlich zu verbieten oder eine Vergütung zu fordern?

Das Ausschließlichkeitsrecht des Presseverlegers als ein umfassendes Verbotsrecht wird im Übrigen nur insoweit gewährt, als das Presseerzeugnis – sei es unmittelbar oder mittelbar – zu gewerblichen Zwecken öffentlich zugänglich gemacht wird.
(Seite 9)

Was bedeutet „gewerblich“ hier?

Abweichend vom gewerbe- oder steuerrechtlichen Gewerbebegriff erfasst Nutzung „zu gewerblichen Zwecken“ jede Nutzung, die mittelbar oder unmittelbar der Erzielung von Einnahmen dient sowie jede Nutzung, die in Zusammenhang mit einer Erwerbstätigkeit steht.
(Seite 9)

Äh, ja … Beispiele?

Ist z.B. ein Blogger hauptberuflich als freiberuflicher Journalist tätig und setzt er sich auf seinem Blog mit seinem Schwerpunktthema auseinander, dann handelt er, wenn er hierbei Presseerzeugnisse von Dritten nutzt, zu gewerblichen Zwecken.
(Seite 10)

Wenn sich also ein Journalist für ein privates Blog mit dem Gleichen (z. B. Fußball) beschäftigt, mit dem er sich hauptberuflich befaßt, ist das gewerblich?

Wer z.B. einen Blog als Hobby unentgeltlich und ohne Bezug zu seiner beruflichen Tätigkeit betreibt, handelt nicht zu gewerblichen Zwecken.
(Seite 11)

Im privaten Blog sollte man dann also tunlichst vermeiden, die Arbeit auch nur zu erwähnen?

Ein Blog verfolgt auch nicht allein deshalb gewerbliche Zwecke, weil er über Werbeeinblendungen des Hostanbieters Einnahmen für diesen generiert.
(Seite 11)

Das ist beruhigend. Aber:

Verwendet ein Blogger zu seinem Hobby-Blog Fachartikel aus einschlägigen Presserzeugnissen [sic] und blendet er zur Refinanzierung seiner Unkosten Werbebanner oder den Bezahl-Button eines Micropaymentdienstes ein, dann handelt er zu gewerblichen Zwecken und muss eine Lizenz erwerben. Darauf, ob der Blogger die Absicht hat, mit der Werbung einen Gewinn zu erzielen, kommt es nicht an.
(Seite 11)

Aber:

Ist ein Blogger ehrenamtlich für einen gemeinnützigen Verein tätig und berichtet über die Vereinsaktivitäten, handelt er bei der Nutzung zu gemeinnützigen, sozialen oder karitativen Zwecken und damit nicht zu gewerblichen Zwecken.
(Seite 11)

Und wenn er Werbebanner zur Finanzierung eines Blogs über einen gemeinnützigen Verein schaltet, muß er dann zahlen oder nicht? Wird er dann zum Leistungsschutzzombie?

Dieser Referentenentwurf hat jedenfalls schon viel Scheußliches und besser kann es eigentlich auch nicht werden, wenn man den grundsätzlichen Widerspruch des Gesetzes betrachtet:

Wie kann man ein Recht zur Lizenzierung von kleinen Textschnipseln (Zitaten) einführen, aber gleichzeitig die Urheberrechtsschranke erhalten, die das Zitieren ohne Lizenz erlaubt?

Update (17.06.2012): Meine obige Argumentation ist Murks, Googles Snippets sind nicht durch das Zitatrecht gedeckt, sondern sind wegen mangelnder Schöpfungshöhe erlaubt.

Das wirkliche Problem sind die Ungenauigkeiten:

Was ist „gewerbliche“ Nutzung (siehe oben)?

Was sind „kleine Teile“ eines Presseerzeugnisses? Bereits die Überschrift, ein einzelnes Wort, die Worte aus dem Titel, die in einem „sprechenden“ Link enthalten sind?

Wann ist ein Textausschnitt tatsächlich ein Zitat? §51 Urheberrechtsgesetz meint dazu:

insbesondere, wenn […] Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden

Wann haben wir ein „selbständiges Sprachwerk“?

Anstatt die vorhandenen Rechtsunsicherheiten im Urheberrecht abzubauen, wird es also noch schlimmer.

Routinierte Einbrecher oder Textrecycling?

28.05.2012

Zwei Einbrüche, zwei Polizeimeldungen und möglicherweise dieselben Täter. Da zeigte sich die Routine nicht nur bei den Einbrechern, sondern auch beim Texter (oder den Textern) der Pressemeldungen:

Neunkirchen am Brand Bad Berneck
Bislang unbekannte Täter sind in der Nacht zum Mittwoch in einen Supermarkt eingedrungen.
Die Einbrecher entkamen mit Zigaretten im Wert von mehreren Tausend Euro unerkannt.
Bislang Unbekannte suchten in der Nacht zum Mittwoch einen Supermarkt in der August-Mittelsten-Scheid-Straße heim. Die Einbrecher erbeuteten Zigaretten im Wert von mehreren Tausend Euro.
Die Unbekannten verschafften sich mit brachialer Gewalt über die Eingangstüren Zutritt zu dem Einkaufsmarkt in der Gräfenberger Straße. Dort erbeuteten sie gezielt eine Vielzahl von Zigarettenschachteln aus den im Kassenbereich aufgestellten Behältnissen. Von den Einbrechern, die an den Eingangstüren einen Sachschaden von 2.000 Euro hinterließen, fehlt bislang jede Spur. Mit brachialer Gewalt verschafften sich die Einbrecher Zutritt zu dem Einkaufsmarkt. Sie entwendeten gezielt eine Vielzahl von Zigarettenschachteln aus den im Kassenbereich aufgestellten Behältnissen. Die Einbrecher, die einen Sachschaden von etwa. 2.000 Euro hinterließen, konnten unerkannt entkommen.
(Quelle) (Quelle)

Die Täter haben es sogar geschafft, beide Male ungefähr den gleichen Sachschaden anzurichten. Daran erkennt man echte Profis!

Zufälliges ALDI-Angebot?

17.05.2012

Vorgestern wird bei einem Fußballspiel in Düsseldorf während der Nachspielzeit das Feld von den Fans gestürmt, die teilweise auch Rasenstücke als Souvenir mitgehen lassen und heute informiert ALDI SÜD, daß sie in einer Woche dieses tolle Angebot haben.

Zufall?

Unfaßbar

19.04.2012

Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, einem Verein, der sich offiziell gegen Kindesmißbrauch engagiert (speziell im Zusammenhang mit dem Internet), hat ein Buch geschrieben. Dazu steuerte TAZ-Autor Christian Füller einen Artikel bei, den man durchaus als Werbung für das Buch bezeichnen kann.

Nachdem der Grünen-Politiker Jörg Rupp sich in einem Tweet über den Artikel ärgerte und darin „Und dann wieder die alte Kinderpornoleier“ schrieb, antwortete Füller mit einem zweiten Stück in der TAZ.

Der Ausdruck „Kinderpornoleier“ mag zwar unglücklich gewählt sein, aber daß Füller deswegen einen Aufschrei der Empörung behauptet, ist übertrieben. Rupp erklärt in seinem Blog die Geschichte nochmals aus seiner Sicht.

Besonders bemerkenswert in Füllers zweitem Artikel finde ich ja diese Stelle, in der Ursula Enders, Leiterin der Kölner Kontaktstelle gegen sexuelle Gewalt, bemerkt:

„Kinder, die Kinderpornografie ansehen, sind oftmals genauso belastet wie die unmittelbaren Opfer sexueller Gewalt.“

Das Betrachten der Bilder habe oft eine Traumatisierung zur Folge. Realer Missbrauch habe meistens irgendwann ein Ende, sagte Enders, „die kinderpornografischen Bilder aber lassen die Kinder nicht mehr los“.

Ich weiß nicht, ob Enders das wirklich so gemeint hat oder ob Füller beim Paraphrasieren einen Fehler gemacht hat.

Einer der beiden hatte hier aber offensichtlich einen geistigen Totalausfall: Kinder und Jugendliche, die zufällig über Mißbrauchsdokumentation im Internet stolpern (was übrigens nicht sehr wahrscheinlich ist) leiden darunter also lebenslänglich, während das mißbrauchte Kind, sobald der Mißbrauch vorbei ist, fröhlich pfeifend seiner Wege geht?

Einfach unfaßbar.

Alles nicht so einfach, Sven Regener

22.03.2012

Sven Regener, Sänger der Band „Element of Crime“ regte sich gestern in der Sendung Zündfunk des Bayerischen Rundfunks in einem fünfminütigen Statement über YouTube, Piraten und Raubkopien auf.

Ich hoffe, daß die Antwort der Befürworter eines neuen, zeitgemäßen Urheberrechts nicht hauptsächlich aus Häme und Beleidigungen besteht, sondern aus sachlichen Erklärungen, warum Regener sich irrt. Ich versuche hier, meinen Beitrag dazu zu leisten.

Es wird so getan, als ob wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby.

Nein, den meisten Leuten ist durchaus klar, daß Musiker Geld verdienen wollen und gestehen den Künstlern dieses Recht auch zu. Die Art und Weise, wie das geschehen soll, ist allerdings heftig umstritten.

Natürlich gibt es ebenso Menschen, die Musikern das Recht auf Entlohnung absprechen und verlangen, alles kostenlos zu erhalten. Aber das ist eine Minderheit, die von Vertretern bestimmter Interessen gerne als Normalfall aufgebauscht wird.

Und das Rumgetrampel darauf, daß wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, daß wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes, als daß man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben, wir wollen damit machen können, was wir wollen und wir scheißen drauf, was Du willst oder nicht.

Es ist schade, daß Regener es so empfindet, wenn die Werke seiner Band verbreitet werden und die Interessenten zunächst einmal entscheiden können, ob ihnen die Musik etwas wert ist oder es halt nicht ihren Geschmack trifft.

Was Künstler bei einem zeitgemäßen Urheberrecht aber tatsächlich nicht mehr haben werden, ist die Kontrolle über die Verbreitung ihrer Werke. Diese Zeiten sind einfach vorbei.

Der Glaube, daß diese Kontrolle erforderlich wäre, um Geld zu verdienen, ist das eine Kernproblem.

Das andere ist ein Gerechtigkeitsempfinden, wonach jemand, der aus Prinzip oder mangels Geld (z. B. Schüler, Arbeitslose) nichts bezahlt, auch keine Gegenleistung (in Form von Musik, Texten oder anderen Werken) erhalten soll. Betriebswirtschaftlich ist das bei geistigen Produkten aber ohne Bedeutung.

Das einzig Wahre am Rock’n’Roll ist, daß wir jede Mark, die wir bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen: Ja, das ist mir das wert, ich geb 99 Cent aus für dieses Lied.

Hier wird es unlogisch, denn wenn jemandem das Lied etwas wert ist, wird er es auch bezahlen, wenn er es kostenlos bekommen könnte (oder schon bekommen hat). Und durch eine kostenlose Verteilung gibt es viel mehr Menschen, die Lied und Band kennenlernen können.

Und das ist halt diese Frage des Respekts und des Anstands. […] So wie es eine Frage auch des Respekts und des Anstands ist, nichts im Supermarkt zu klauen, selbst dann, wenn man wüßte, daß man nicht erwischt würde.

Schon wieder der übliche Vergleich mit dem Ladendiebstahl. Da entsteht dem Supermarkt aber offensichtlich ein betriebswirtschaftlicher Schaden, weil er den geklauten Joghurt nicht mehr verkaufen kann. Bei geistigen Produkten ist das eben nicht so einfach.

Solange das funktioniert, ist das gut.

Regener ist aber anscheinend nicht bereit, einfach mal auf Respekt und Anstand der Konsumenten zu vertrauen, auch wenn sie seine Musik zunächst kostenlos heruntergeladen haben, denn vielleicht funktioniert es ja auch so.

Ein paar (ältere) Beispiele, daß es funktionieren kann (vor allem in Kombination mit Merchandising), finden sich hier.

Youtube gehört Google, das ist ein milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen.
[…]
[Die Lobbyverbände der Internetfirmen] bringen dann als Hilfstruppen die ganzen Deppen, die sagen „warum kann ich denn das Video nicht auf YouTube kucken?“. Ja dann kuck’s halt woanders, ja. Unsere Videos kann man alle bei element-of-crime.de kucken. […] Tut mir leid, gibt’s halt nicht bei YouTube, bis die nicht bereit sind, dafür auch was zu bezahlen.

Die Frage ist nur, wem das mehr schadet, Google/YouTube oder der Band. Die Plattenfirmen Sony Music und Universal Music haben dazu bereits letztes Jahr ihre Antwort gegeben.

Auch der Begriff „Piratenpartei“ ist geistiges Eigentum und wenn ich hier morgen die Piratenpartei gründe, steht eine halbe Stunde später der Anwalt der Piratenpartei auf der Matte.

Nicht ganz. Der Begriff ist allenfalls markenrechtlich geschützt. Sich als Piratenpartei auszugeben obwohl man nicht die Piratenpartei ist, wäre Betrug (oder ein ähnlicher Rechtsbegriff, den ich mangels Jurastudium nicht kenne).

Also, Herr Regener, sehen Sie sich ein bißchen um im Internet und hören Sie sich auch mal die andere Seite an.

Gauck als nächster Bundespräsident – lieber nicht

19.02.2012

Er wäre 2010 schon mal fast Bundespräsident geworden und jetzt hat Joachim Gauck wieder gute Chancen. Ob das wirklich wünschenswert wäre? Ich sage nein, nach Ansicht einiger Zitate von und über Gauck:

Joachim Gauck, ehemaliger Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, hat die Politik aufgefordert, das Bahnprojekt Stuttgart 21 trotz der Bürgerproteste zu realisieren. In jahrelangen Prozessen seien Entscheidungen zu dem Milliardenvorhaben gefallen, die bekannt gewesen seien, sagte der ehemalige DDR- Bürgerrechtler in der ARD-Sendung „Beckmann“ am Montagabend.
(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

Auch Gauck findet, dass Ströbele da eine „hysterische Welle aufbaut“ , warnt aber einmal mehr davor, die Bürgerinnen und Bürger über neue Maßnahmen im Anti-Terror-Kampf nicht genug aufzuklären: „Sie müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist.
[…]
„Was halten die Diskutanten also von sogenannten Nackt-Scannern, von denen an US-Flughäfen schon 69 eingesetzt werden?[…] Gauck bekennt, dass ihm das „völlig schnurz-egal“ wäre, er gehe ja auch auf den FKK-Strand.
(Quelle: derStandard.at)

Der ehemalige Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck glaubt dennoch nicht, dass sich die Bürgerproteste [„Occupy Wallstreet“] zu einer dauerhaften Bewegung entwickeln werden: „Das wird schnell verebben“, so Gauck. […] Die Antikapitalismusdebatte halte er für „unsäglich albern“: Der Pastor betonte, dass der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, eine romantische Vorstellung sei.
[…]
Man könne wichtige politische Entscheidungen, wie etwa den Ausstieg aus der Kernkraft, nicht von der Gefühlslage der Nation abhängig machen.
(Quelle:  suedeutsche.de)

Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches „Deutschland schafft sich ab“, Thilo Sarrazin, attestierte Gauck, „Mut bewiesen“ zu haben. „Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.“
(Quelle: tagesspiegel.de)

Update (21.02.2012):

Patrick Breitenbach gibt zu bedenken, daß viele der im Umlauf befindlichen Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden, unter anderem, weil Gauck gerne ein Thema von verschiedenen Seiten betrachtet und dann nur die Seite davon zitiert wird, die ins eigene Konzept paßt.

Wiederum andersrum kann man dieses „einerseits“ – „andererseits“ auch als wendehälsisch interpretieren, wie dieser 12 Jahre alte Artikel aus dem „Freitag“ nahelegt.

Vielleicht muß ich am Ende den ganzen Artikel nochmal umstrukturieren, aber jetzt sammle ich einfach mal weiter:

„Von dem Vorschlag, für die Opfer der gerade bekannt gewordenen Mordserie von Neonazis einen Staatsakt zu veranstalten, halte ich nichts“, sagte er der „Welt“. Ein Trauergottesdienst oder ein staatlicher Trauerakt schienen ihm nicht „die richtige Form zu sein, um Toter zu gedenken, deren Ermordung schon so lange zurückliegt“. Ein Staatsakt könne nur eine unmittelbare Reaktion auf ein Ereignis sein.
(Quelle: welt.de)

Ärgerlicherweise wurde der digitale Unterstellungstrubel durch den professionellen Journalismus befeuert: Die meisten Twitterer und Blogger bezogen sich auf anzitierte Halbsätze in Qualitätsmedien.
(Quelle: spiegel.de)

24.02.2012:

Der frühere Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Hans-Jochen Tschiche kritisiert die Nominierung von Joachim Gauck
[…]
Er ließ sich in München bei einer Preisverleihung mit den Geschwistern Scholl vergleichen und wurde noch nicht einmal schamrot. Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das Neue Forum in die Volkskammer.
(Quelle: freitag.de)

 

Und wenn man auf die Links klickt, stellt man in den meisten Fällen fest, dass der Kontext zwar natürlich dabei hilft, Gaucks Aussagen im Zusammenhang seiner Gedankenwelt zu verstehen, aber gleichzeitig wenig geeignet ist, die Aussagen selbst zu relativieren.
(Quelle: scilogs.de)

 

In dem Part des Gesprächs geht es um den Islam; Gauck schafft es gekonnt, über Sarrazin zur “Überfremdung” zu kommen, um dann auch noch sein Lieblingsthema, den Kommunismus, unterzubringen. Bemerkenswert dabei: Gauck zieht bei seinen Ausführungen über die Fremdheit des Islams in Europa eine Parallele zum politischen Systemkampf zwischen West und Ost vor dem Fall der Mauer. Was früher die Bedrohung durch die Bolschewisten war ist heute offenbar die Gefahr durch den Islam.
(Quelle: publikative.org)

Mein persönliches Fazit: Die auf Twitter und anderswo veröffentlichten Zitate geben zwar nicht immer exakt wieder, was Gauck damit gemeint hat, aber eine stark konservative und neoliberale Einstellung bleibt erkennbar, auch wenn sie schwer in handliche Zitate zu quetschen ist.

Verfolgte Autoren?

11.02.2012

Falls sich nicht noch etwas überraschend Neues ergibt, wird dies mein letzter Beitrag zum Thema, versprochen!

Vorgestern habe ich ja bereits über den „Buchclub“ (meine Bezeichnung) „Ein Buch lesen!“ berichtet, der John Asht in seinem Kampf gegen die „Rezi-Mafia“ unterstützt, genauso, wie sich viele Mitglieder mit Amazon-Bewertungen gegenseitig unterstützen.

Gestern nun hat Ursula Prem von „Ein Buch lesen!“ zwei Artikel zum Thema im Blog veröffentlicht. Das eine ist eine positive Rezension von „Twin-Pryx“, hier nur ein paar Sätze:

Wer sich die Mühe macht, das Buch zu lesen, den nimmt John Asht mit in ein fremdes, faszinierendes Universum einer individuellen Gedankenwelt. Und eben das macht diese Buch nicht nur zu einem guten Buch, sondern sogar zu einem Meisterwerk.

Weiter:

Positiv beeindruckt hat mich das Frauenbild des Autors. Anders, als man es von vielen Schriftstellern gewöhnt ist, sind seine Frauengestalten durch die Bank starke Persönlichkeiten. […] [S]ämtliche Frauen in Twin-Pryx [agieren] als eigenständige Handlungsträger, völlig frei vom üblichen Warten auf den Retter mit dem weißen Pferd.

Kurzer Abstecher zu Ashts Blogbeitrag „Frauenquote?“:

Es ist nun mal gegen die Natur einer biologisch richtigen tickenden Frau, plötzlich hochtechnisierte Maschinen, Formeln oder Raketen zu erfinden. Ihr liegt es eher, Wärme in eine Familie zu bringen und einfühlsam die Kinder zu erziehen.

Und zurück zur Rezension:

Bedenkt man, dass die Analphabetenquote in unserem Lande ständig steigt, […] dass kostbarer Wortschatz nach und nach verschwindet und durch sprachlichen Einheitsbrei ohne emotionalen Gehalt ersetzt wird, freue ich mich, den ein oder anderen Anklang an sprachlich glücklichere Zeiten in Twin-Pryx zu finden. Dennoch versteht es John Asht in jedem Moment, dieses Stilmittel so zu dosieren, dass ihm der Rückweg in die Moderne offen und das Buch auch für den heutigen Menschen sehr gut lesbar bleibt.

Wie bereits in einem früheren Artikel erwähnt, bietet die Leseprobe bei Amazon die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von der Sprache zu verschaffen.

Jetzt aber zum spannenderen Artikel: „Der Fall John Asht – Die Freitagskolumne von Ursula Prem“

Zunächst einmal bedankt sie sich nett:

Vielen Dank an alle, die sich blindlings auf John Asht gestürzt haben, als diesem die Gäule durchgingen. […] Der zweite Teil meines Dankes würdigt die Tatsache, dass durch Vorgänge wie diesen deutlich sichtbar wird, wie stark der Vernichtungswille zwischen Menschen in Wirklichkeit ausgeprägt ist.

Nein, dieser Vorgang zeigt lediglich, wie das heutige Internet (oder Web 2.0) funktioniert: Asht regt sich auf und stößt damit eine Welle von Kommunikation und (meist negativen) Reaktionen an. Wer ein bißchen von Krisen-PR versteht, wird warten, bis so eine Welle abgeebbt ist, mit etwas mehr Sachverstand kann man vielleicht sogar darauf reiten und sie beruhigen. Und es gibt die Methode Asht: durch wütende Postings im eigenen Blog die Sache am Kochen halten.

Ich habe jetzt schon viele Artikel und Kommentare zum Thema gelesen, aber bislang keinen Aufruf zur (tatsächlichen oder wirtschaftlichen) Vernichtung. So etwas mag es vereinzelt geben, Ursula Prem erwähnt in einem ihrer früheren Blogeinträge:

Er wolle nicht in einer Welt leben, wo jemand wie John Asht Bücher schreiben dürfe, bekannte ein Twitternutzer
(Quelle)

Das ist aber nicht der Normalfall. In ihrer Freitagskolumne spitzt Ursula Prem die Sache jedoch noch weiter zu und verweist auf das Milgram-Experiment, bei dem die Versuchspersonen glaubten, sie würden jemanden mit Stromschlägen quälen und schließlich töten. „Ein unzulässiger Vergleich?“ fragt sie dann treuherzig.

Nehmen wir nun an, dass ein Autor vom Schreiben seiner Bücher lebt.

Von wem reden wir hier? Asht? Wenn der allein vom Schreiben seiner Bücher lebt, hätte er dann nicht wegen Unterernährung Probleme, eine Tastatur zu bedienen?

Da diese Annahme hier bereits reichlich unwahrscheinlich ist, braucht man sich auch nicht weiter mit der Schlußfolgerung zu beschäftigen, daß böse Rezensionen den Hungertod des Autors bedeuten. Im konkreten Fall ist das lächerlich.

Verfolgt und von Vernichtung bedroht fühlen sich die Autoren des Buchclubs anscheinend häufiger. In einem Kommentar zu meinem vorigen Artikel wies „Anubis“ auf diesen älteren Beitrag von Ursula Prem hin.

Das Buch „Bestatten – mein Name ist Tod“ von Clubmitglied G. C. Roth war auf Ciao.de von „Cosmay“ verrissen worden, die am Schluß das Buch als „alternative Heizmethode“ empfiehlt. Für Roth wurde damit „der absolute Vernichtungswille auffällig, der weit über das Maß einer normalen Negativrezension hinausging“.

„Cosmay“ gab ihr Exemplar des Buchs offensichtlich weiter an „Sendorra“, die es „zeitfressendes Altpapier“ nannte und an „Unwahrscheinlich“ weiterreichte, die sich nur sehr kurz fasste und unter anderem „drohte“:

Wenn mich Irgendjemand nach dem Inhalt des Buches fragt engagiere ich Moskau-Inkasso.

Autorin Roth schafft es dann in einem eigenen Blogartikel aus dem (vermutlich wohlmeinenden) Rat von „Sendorra“, sich nicht öffentlich aufzuregen, dem Stichwort „Moskau-Inkasso“ und einer Szene aus einem Louis de Funès-Film, die „Unwahrscheinlich“ verlinkte (und in der das Wort „Erpresser“ vorkommt) eine Theorie zu entwickeln:

Sollten all die Verrisse nur den Sinn haben, mich durch den Kaktus auf die Idee zu bringen, den Schreiberlingen Geld anzubieten, damit sie aufhören meinen Ruf zu schädigen?

Wenn ein Erpresser (falls es ihn gibt) so dezent vorgeht, daß der Erpresste nicht einmal sicher ist, ob er erpresst wird, macht der Erpresser was falsch.

Auch die Amazon-Rezensentin Heike Stopp, die anscheinend mit dem Buchclub assoziiert ist, stimmt mit ein. Bei einer Rezension von „Bestatten, mein Name ist Tod“ kommentiert sie:

Wer Kritiken unter der Gürtellinie schreibt, sollte es selbst vielleicht erst einmal bessermachen. Geldgier? Traurig, wenn (negative) Rezensionen vielleicht noch bezahlt werden. Vielleicht von Neidern oder missgünstigen Menschen? Woanders nennt man das „Bestechung“.

Und zwei Tage bevor Asht seinen erzürnten Beitrag unter Myriels Rezension/Kritik/Meinung setzt, kommentiert Stopp eine Rezension von „Gedankenfreiheit“ (=Ursula Prem) über das Buch „ForenTroll: Ein modernes Märchen für Erwachsene“ von Clubmitglied Sylvia B.:

Ich vermisse die Beiträge der Trolle (!)
Endlich mal ehrliche, hilfreiche Bewertungen, wohin das Auge blickt. Sollten da nicht auch die Forenbetreiber selbst gefragt sein? Schließlich lässt sich im Zeitalter der Technik vieles nachvollziehen. Und soweit ich weiß, wird man auch für Beleidigungen haftbar gemacht, die auf bestimmten Plattformen veröffentlicht werden. Als Forenbetreiber ist man da mit in der Haftung. Einmal ganz abgesehen davon, dass es einfach zum menschlichen Anstand gehört, nur Bücher zu bewerten, die man auch gelesen hat (weshalb ich dieses Buch hier leider – noch – nicht bewerten kann). Und dann eben fair zu bleiben. Doch mancher wird ja sogar für eine negative Beurteilung bezahlt und die Auftraggeber sind in den seltensten Fällen herauszufinden. Die Trolle hinter den Trollen…

Kann natürlich Zufall sein…