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Alles nicht so einfach, Sven Regener

22.03.2012

Sven Regener, Sänger der Band „Element of Crime“ regte sich gestern in der Sendung Zündfunk des Bayerischen Rundfunks in einem fünfminütigen Statement über YouTube, Piraten und Raubkopien auf.

Ich hoffe, daß die Antwort der Befürworter eines neuen, zeitgemäßen Urheberrechts nicht hauptsächlich aus Häme und Beleidigungen besteht, sondern aus sachlichen Erklärungen, warum Regener sich irrt. Ich versuche hier, meinen Beitrag dazu zu leisten.

Es wird so getan, als ob wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby.

Nein, den meisten Leuten ist durchaus klar, daß Musiker Geld verdienen wollen und gestehen den Künstlern dieses Recht auch zu. Die Art und Weise, wie das geschehen soll, ist allerdings heftig umstritten.

Natürlich gibt es ebenso Menschen, die Musikern das Recht auf Entlohnung absprechen und verlangen, alles kostenlos zu erhalten. Aber das ist eine Minderheit, die von Vertretern bestimmter Interessen gerne als Normalfall aufgebauscht wird.

Und das Rumgetrampel darauf, daß wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, daß wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes, als daß man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben, wir wollen damit machen können, was wir wollen und wir scheißen drauf, was Du willst oder nicht.

Es ist schade, daß Regener es so empfindet, wenn die Werke seiner Band verbreitet werden und die Interessenten zunächst einmal entscheiden können, ob ihnen die Musik etwas wert ist oder es halt nicht ihren Geschmack trifft.

Was Künstler bei einem zeitgemäßen Urheberrecht aber tatsächlich nicht mehr haben werden, ist die Kontrolle über die Verbreitung ihrer Werke. Diese Zeiten sind einfach vorbei.

Der Glaube, daß diese Kontrolle erforderlich wäre, um Geld zu verdienen, ist das eine Kernproblem.

Das andere ist ein Gerechtigkeitsempfinden, wonach jemand, der aus Prinzip oder mangels Geld (z. B. Schüler, Arbeitslose) nichts bezahlt, auch keine Gegenleistung (in Form von Musik, Texten oder anderen Werken) erhalten soll. Betriebswirtschaftlich ist das bei geistigen Produkten aber ohne Bedeutung.

Das einzig Wahre am Rock’n’Roll ist, daß wir jede Mark, die wir bekommen, selber verdienen. Die bekommen wir von Leuten, die sagen: Ja, das ist mir das wert, ich geb 99 Cent aus für dieses Lied.

Hier wird es unlogisch, denn wenn jemandem das Lied etwas wert ist, wird er es auch bezahlen, wenn er es kostenlos bekommen könnte (oder schon bekommen hat). Und durch eine kostenlose Verteilung gibt es viel mehr Menschen, die Lied und Band kennenlernen können.

Und das ist halt diese Frage des Respekts und des Anstands. […] So wie es eine Frage auch des Respekts und des Anstands ist, nichts im Supermarkt zu klauen, selbst dann, wenn man wüßte, daß man nicht erwischt würde.

Schon wieder der übliche Vergleich mit dem Ladendiebstahl. Da entsteht dem Supermarkt aber offensichtlich ein betriebswirtschaftlicher Schaden, weil er den geklauten Joghurt nicht mehr verkaufen kann. Bei geistigen Produkten ist das eben nicht so einfach.

Solange das funktioniert, ist das gut.

Regener ist aber anscheinend nicht bereit, einfach mal auf Respekt und Anstand der Konsumenten zu vertrauen, auch wenn sie seine Musik zunächst kostenlos heruntergeladen haben, denn vielleicht funktioniert es ja auch so.

Ein paar (ältere) Beispiele, daß es funktionieren kann (vor allem in Kombination mit Merchandising), finden sich hier.

Youtube gehört Google, das ist ein milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen.
[…]
[Die Lobbyverbände der Internetfirmen] bringen dann als Hilfstruppen die ganzen Deppen, die sagen „warum kann ich denn das Video nicht auf YouTube kucken?“. Ja dann kuck’s halt woanders, ja. Unsere Videos kann man alle bei element-of-crime.de kucken. […] Tut mir leid, gibt’s halt nicht bei YouTube, bis die nicht bereit sind, dafür auch was zu bezahlen.

Die Frage ist nur, wem das mehr schadet, Google/YouTube oder der Band. Die Plattenfirmen Sony Music und Universal Music haben dazu bereits letztes Jahr ihre Antwort gegeben.

Auch der Begriff „Piratenpartei“ ist geistiges Eigentum und wenn ich hier morgen die Piratenpartei gründe, steht eine halbe Stunde später der Anwalt der Piratenpartei auf der Matte.

Nicht ganz. Der Begriff ist allenfalls markenrechtlich geschützt. Sich als Piratenpartei auszugeben obwohl man nicht die Piratenpartei ist, wäre Betrug (oder ein ähnlicher Rechtsbegriff, den ich mangels Jurastudium nicht kenne).

Also, Herr Regener, sehen Sie sich ein bißchen um im Internet und hören Sie sich auch mal die andere Seite an.

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